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Offenes und freies Internet bei der Drosselkom?

09.05.2013, 09:35,
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Im Netz tobt der Shitstorm gegen die Deutsche Telekom munter weiter vor sich hin. Und ich liege wohl nicht falsch, wenn ich prophezeie, dass er dies auch noch einige Wochen so weiter machen wird. Ein Mitgrund dürften die Verlautbarungen von Noch-Vorstandsvorsitzenden René Obermann, Regulierungsfragen-Ansprechpartner bei der Deutschen Telekom Jan Krancke und Deutschland-Chef der Telekom Niek Jan van Damme gewesen sein. Zusätzlich kassierten die seit 2. Mai gültigen AGB schon eine saftige Abmahnung von der Verbraucherschutzzentrale NRW. Neben Neukunden sind genauso Bestandskunden, die den Tarif wechseln, von der Drosselung betroffen. Bei der Bundesnetzagentur stehen die Tarife auch aktuell auf dem Prüfstand.

Die LTE-Tarife machen es vor und DSL machts wohl nach

Was bei den Funk-Tarifen bereits düsterer Alltag ist, wird bei den DSL-Angeboten frühestens, wir glauben das jetzt einfach mal, 2016 Realität werden. Für LTE gibt es nun auch zubuchbares Zusatzvolumen und das lässt sich gut was kosten. 10GB schlagen mit 14,95 Euro zu buche. Das sind für 1GB immerhin ca. 1,50 Euro. Geht man nun weiter davon aus, dass es die Deutsche Telekom für eben jenes eine Gigabyte nicht mal ganz einen Cent kosten würde, ergibt sich eine Gewinnsteigerung von über 100% (150% wären auch echt unverschämt). Da kann man sich vorab einen ersten Vorgeschmack für die kommende Drosselung des DSL-Anschlusses holen. Interessant ist jetzt nur, wieso Herr Obermann davon spricht, dass die Angebote “auch 2016 marktgerecht und ihren Preis wert sein” sollen. Für mich ergibt sich an dieser Stelle ein wirklicher Widerspruch.

 René Obermann NEXT BERLIN 2012 (Quelle: NEXT Berlin, Liz. CC BY 2.0)
René Obermann NEXT BERLIN 2012 (Quelle: NEXT Berlin, Liz. CC BY 2.0)

Zusätzlich gab man in der Pressemitteilung weiter bekannt, das es vermutlich nicht bei Volumentarifen bleiben werde. Es könnte wohl doch wieder Flatrates geben, jedoch nur für Vielnutzer. Naja aus Sicht der Deutschen Telekom wäre dann aber sowieso fast jeder zweite Telekomkunde ein Poweruser, außer vielleicht der Seniorenstift Südwest in Berlin-Mitte. Die schaffen nicht mal 15GB und liegen damit noch unter dem gemessenen Durschnitt der "Referenzgruppe im Altenheim Waldesruh". Nun aber zu den Hardcore-Flatrates. Diese würden laut Obermann ca. 10-20 Euro extra kosten. Kalkuliert man noch die Stabilität des Euros, eine wachsende Inflation, einen Bundeskanzlerinnenwechsel (nicht Peer Steinbrück), Neuwahlen und ach ja einen neuen Vorstandsvorsitzenden der Telekom mit ein, dann wirds wohl teurer als geplant. Zusammenfassend wird schnell klar, dass sich der Hase in den Puschel beißt.


René Obermann zu den Quartalszahlen und Flatrates

Netzneutralität ist der Deutschen Telekom sehr wichtig

Im Zusammenhang mit der angepriesenen Drosselung springt auch die Dammgazelle "Netzneutralität" fröhlich frech nebenher. Jan Krancke betonte auf der re:publica 2013 in Berlin, dass die Deutsche Telekom sich für ein “offenes und freies Internet” einsetzen möchte. Er bestätigte während der Podiumsdiskussion auch gleichzeitig das "Best Effort"-Prinzip, was aber natürlich nicht durch das neue Preismodell beeinflusst würde. Also, wenn dem so wäre, dann sollten auch Zusatzangebote wie Entertain, Spotify und Fon, nach genau dieser Methode gehandelt werden. Man merkt recht flux, dass hier eine Bevorzugung der eigenen Dienste bzw. Partnerschaften deutlich wird. Daher kann von Netzneutralität keine Rede mehr sein. Dies unterstreicht auch die lautstarke Ansage von Niek Jan van Damme: "Wenn Youtube zahlt, werden sie nicht gedrosselt". Hoppla, das klingt aber so was von gar nicht nach “Best Effort”, eher nach “Best Money”.

Manifest von Deutschland-Telekom-Chef Niek Jan van Damme
Manifest von Deutschland-Telekom-Chef Niek Jan van Damme

Eine weitere kritische Aussage, mal wieder von René Obermann, ist die Folgende: “Die positiven Regulierungsentscheidungen schaffen die Basis für unseren geplanten Breitbandausbau.” Seit wie vielen Jahren plant die Deutsche Telekom denn den sogenannten “Breitbandausbau”? In meinem Artikel "Flatrate Zero – der brandneue DSL-Tarif der Telekom" ging ich bereits auf die Thematik Netzausbau etwas näher ein. Wenns keinen DSL-Anschluss gibt, dann kommt das Internet eben per Funk zum Kunden. Ist schließlich billiger, und wenn mit mindestens 1Gbit/s gesurft werden kann, hat man auch schon die Auflagen der Bundesnetzagentur erfüllt. Prima! Vielleicht sollten beide einmal einen Testlauf starten und sich das Internet in der Behörde und der Konzernzentrale auf diese Geschwindigkeit runterdrosseln. Ich bin gespannt, wie lange sie dies aushalten. Wie stehen sie anschließend zum Thema Breitbandinternet?

Alles eine Frage der Strategie und der richtigen Netzpolitik

Mir scheint es so, als würde man versuchen aus dem seichten bis schweren Shitstörmchen herauspaddeln zu wollen. Anders kann ich mir die Ankündigung von René Obermann nicht erklären. Es schreit gerade zu nach: “Ja, wir kommen mit dem Zusatzvolumen nicht durch und müssen euch für einen Aufpreis die Flatrate wieder freigeben.” Trotzdem bleibt die Volumengrenze wohl weiter bestehen. Da wird sich vermutlich nicht mehr viel drehen lassen. Eine Verbesserung ist das aber immer noch nicht. Hoffentlich kommt die Bundesnetzagentur zu dem Schluss, dass dieses neue Modell die Netzneutralität in Gefahr bringt. Nur dann wird eine DSL-Drosselung nicht zur Realität. Auch seitens der Bundesregierung muss stärker darauf geachtet werden, dass ein so “mächtiges” Unternehmen wie die Deutsche Telekom nicht schalten und walten kann, wie es gern möchte.

Internet Connections (Quelle: timlewisnm, Liz. CC BY-SA 2.0)
Internet Connections (Quelle: timlewisnm, Liz. CC BY-SA 2.0)

Internet soll und muss auch endlich gesetzlich zur Grundversorgung zählen und beispielsweise der Begriff “Breitbandinternet” auf politischer Ebene richtig definiert werden. 1Gbit/s als Mindestanforderung zu setzen, reicht bei Weitem nicht aus. Dieses Thema geht uns alle etwas an und nicht nur die Telekomkunden, die sich teures Internet kaufen und trotzdem der Drossel zum Opfer fallen. Daher, wenn wir in Deutschland ein freies und offenes Web für jedermann haben wollen, muss ein Umdenken in der Politik stattfinden. Wir wollen nicht weiter im digitalen Mittelalter leben, sondern im Hyperspace (#) der Neuzeit!

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Hallo, mein Name ist Markus. Seit 2011 betreibe ich den GFX-Stylez.blog und schreibe regelmäßig über Themen aus den Bereichen IT, Web, Android und Sicherheit.

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